Lebensraum statt Pendlerstau: Warum der Mensch bei der Stadtplanung im Fokus stehen sollte und welche Chancen die CityBahn für eine faire Straßenaufteilung bietet, verrät Camillo Huber-Braun, Leiter des Stadtplanungsamts Wiesbaden.

Herr Huber-Braun, stimmt es, dass Wiesbaden derzeit eine Autostadt ist?

Camillo Huber-Braun: Es ist richtig, dass Wiesbaden aktuell stark auf den Autoverkehr ausgerichtet ist. Aus dem Mobilitätsleitbild wissen wir, dass der Motorisierungsgrad in Wiesbaden 581 Pkws auf 1.000 Einwohnern entspricht. Damit besitzt mehr als jeder Zweite ein eigenes Auto. Neben dem rollenden Verkehr spielt in der Stadt auch der ruhende Verkehr eine wesentliche Rolle. Der dafür bereitgestellte Raum nimmt extrem viel Platz ein und kann nicht anderweitig genutzt werden. Dabei gibt es – trotz allgemeiner Auffassung – kein Anrecht auf einen Parkplatz im öffentlichen Raum. Der ruhende Verkehr ist eine entscheidende Stellschraube für das Mobilitätsverhalten. Eine Reduktion des ruhenden Verkehrs ermöglich demnach die Förderung von Alternativen. Wir müssen uns die Frage stellen, nach welchen Kriterien der Wert öffentlicher Flächen bemessen werden soll und was uns wichtig ist.

Ein weiterer Aspekt ist die gute Anbindung in die Region. Es ist nicht ungewöhnlich, in Wiesbaden zu wohnen und in Frankfurt oder Darmstadt zu arbeiten. Dies zeichnet unsere Region aus, führt aber auch dazu, dass insbesondere zu Hauptverkehrszeiten die Kapazitäten ausgeschöpft sind und Wiesbaden zu einer der staugeplagtesten Städte Deutschlands gehört.

Warum muss sich das ändern?

Camillo Huber-Braun: Nun – sowohl die Rhein-Main-Region als auch die Städte unserer Region stehen im konstruktiven Wettbewerb zueinander. Dabei lautet die zukünftige Währung „Lebensqualität“. Unser Ziel sollte es also sein, Wiesbaden so lebenswert wie möglich zu gestalten und Sorge dafür zu tragen, dass wir heutige Qualitäten weiter ausbauen. Hierzu gehört die Schaffung eines schnellen und umweltfreundlichen Angebots als Alternative zum Auto. Die CityBahn ist dafür das richtige Mittel.

Andere europäische und auch deutsche Städte sind uns dabei weit voraus. Denken Sie zum Beispiel an Kopenhagen oder auch Paris, die sich verkehrlich völlig neu ausgerichtet haben. Auch von Freiburg, Karlsruhe und etlichen anderen Städten können wir vieles lernen, z. B. verkehrsfreie Quartiere. In diesen Städten sind Straßenbahnen als Lebensadern nicht mehr wegzudenken.

Heute wissen wir, dass Lebensqualität nicht durch eine autogerechte Stadt entsteht. Eine Stadt muss für die Menschen, die dort leben, nutzbar und erlebbar sein. Gerade in Zeiten von Wohnungsknappheit, teuren Bauflächen und daraus resultierender verdichteter Bauweise ist die Qualität öffentlicher Räume zum Aufenthalt und zur Begegnung entscheidend für die Lebensqualität in unseren Städten.

Eine junge Frau liegt auf dem Rücken auf einer sommerlichen Wiese und liest ein Buch.

“Wenn Sie Städte für Autos und Verkehr planen, bekommen Sie Autos und Verkehr. Wenn Sie für Menschen und Räume planen, erhalten Sie Menschen und Räume.“”

Fred KentProject for Public Spaces, 2005

Wie sieht eine faire Straßenaufteilung Ihrer Meinung nach aus?

Camillo Huber-Braun: Straßenplanungen sollten grundsätzlich einen integrierten städtebaulichen Ansatz verfolgen. Funktionale und technische Aspekte von Straßen müssen soziales Leben zulassen und auch mit den raumbildenden und gestalterischen Ansprüchen verbunden werden. Wenn wir Räume für Menschen schaffen wollen, müssen wir den Menschen in den Fokus unserer Planung stellen. Für die Straßenraumaufteilung bedeutet dies, dass wir den Fußgänger als schwächsten Teilnehmer als Maßstab nehmen. Wichtig sind außerdem Aufenthaltsflächen für ein zwangloses Miteinander, für Gastronomie, Ausstellungsflächen für den Einzelhandel, Feste und vieles mehr.

Eine faire Straßenaufteilung beinhaltet für mich deshalb ausgewogene Flächenanteile für ein verträgliches Nebeneinander von Auto-, Rad- und Fußverkehr sowie Bus und Bahn.

Und was muss hierbei konkret berücksichtigt werden?

Wiesbaden von oben

Camillo Huber-Braun: Natürlich lässt sich die Idealvorstellung nicht immer durchsetzen. Bei der Planung sehen wir uns stets mit Ziel- und Interessenkonflikten konfrontiert. Immer mehr Akteure müssen mit ihren jeweiligen Interessen auf demselben Raum in Einklang gebracht werden. Dabei ist der Raum, der uns zur Verfügung steht, begrenzt. Auch der Grünanteil in Wiesbaden sollte erhalten und im Sinne des Klimawandels ausgestaltet werden. Bäume und Grünflächen haben Ansprüche an ihren Lebensraum, die berücksichtigt werden müssen und Platz brauchen, etwa für Wurzelräume. Das jedoch steht in Konkurrenz zu den zahlreichen Leitungen, Kanälen, Fernwärmeversorgung und Thermalleitungen, die sich unter unseren Straßen befinden. Die CityBahn selbst mit ihrer in weiten Teilen als Rasengleis ausgeführten Trasse liefert einen Beitrag dazu.

Ein Ansatz, damit umzugehen, ist es, multifunktionale, flexible Räume zu schaffen. Ansprüche müssen so weit wie möglich gestapelt werden, wenn die Fläche nicht ausreicht. Zum Beispiel kann der Bus in Teilbereichen mit auf der CityBahn-Trasse fahren. Die Versorgungsunternehmen sollten aufgefordert werden, ihre Leitungen übereinander statt nebeneinander zu legen. Wir müssen aber auch darüber sprechen, Parkraum neu zu organisieren. Ein Ansatz wäre es, das Parken von der Parzelle zu lösen und auf Quartiersebene zu denken. Das heißt, dass wir stadtplanerisch verstärkt verkehrsarme Quartiere entwickeln wollen, die am Quartierseingang über ein gemeinsames Garagenbauwerk verfügen. Beispiele aus anderen Städten, wie Köln oder Darmstadt, belegen eine enorme Steigerung der Wohnqualität in diesen Quartieren. Durch Verknappung des Parkraums im öffentlichen Raum soll der ruhende Verkehr in Parkhäusern untergebracht werden. Langfristig sollen Autofahrer durch funktionierende Alternativangebote, z. B. ÖPNV, Carsharing, Fahrradwegesystem usw., von der fehlenden Notwendigkeit eines eigenen Autos überzeugt werden.

Wie wird die CityBahn den Straßenraum von Wiesbaden positiv verändern?

Darstellung einer dynamischen Fahrplanauskunft an einer CityBahn-Haltestelle

Camillo Huber-Braun: Als Stadtplanungsamt verstehen wir die CityBahn als Chance. Der Umbau ermöglicht eine grundlegende Neustrukturierung der Verkehrsräume im Sinne einer gerechteren Raumaufteilung entlang der CityBahn-Trasse. Durch den Umstieg eines Teils der Autofahrer auf die Tram als schnelles, zuverlässiges und bequemes Verkehrsmittel entlastet die CityBahn die Straßen. Dadurch können Flächen gewonnen werden, die beispielsweise für Fußgänger, Aufenthaltsbereiche oder zur Begrünung genutzt werden können.

Die Straßenraumaufteilung kann neu gedacht, fairer strukturiert und schöner gestaltet werden. Neben einer Aufwertung sorgen wir für eine bessere Übersichtlichkeit und Lebensqualität.

Durch die erwartbare Minderung der Emissionen wird sich die Wohnqualität entlang der Trasse und für Wiesbaden insgesamt verbessern, vor allem, wenn man bereits jetzt an eine Netzstruktur denkt, also an den weiteren Ausbau der CityBahn und die Anknüpfung an wichtige städtebauliche Entwicklungen wie z. B. das Ostfeld und Kastel Housing.

Camillo Huber-Braun

Camillo Huber-Braun

Leiter des Stadtplanungsamts Wiesbaden