Fahrdraht und Schienen. Macht das wirklich Lust auf Wiesbaden?

Wenn ich mir in unserer Facebook Gruppe „Lust auf Wiesbaden“ die Posts oder auch die einschlägigen Tweets und Meinungen rund um die CityBahn in Foren anschaue, dann sehe ich immer wieder, dass unsere Wiesbadener interessiert sind und sich in allen Belangen gerne einbringen. Momentan habe ich den Eindruck, dass das Projekt und seine Ausrichtung auf einen emissionsfreien ÖPNV den Mitgliedern der Gruppe zunehmend sinnvoller erscheinen. Dennoch äußern weiterhin viele Menschen Bedenken oder diverse Fragen. Letztendlich erwarten wir alle am Ende des Tages verständliche Fakten darüber, was wirklich machbar und im Rahmen des Projekts praktikabel ist.

Beispiel: Fahrdraht und Schienen

Viele Wiesbadener recherchieren im Internet nach modernen Lösungen für die Straßenbahn. Dabei stoßen sie auf innovative und spannende Projekte: schienenlose Straßenbahnen, batteriebetriebene Regionalzüge oder moderne Omnibusse. Daher stellt sich die Frage: Braucht die CityBahn überhaupt Schienen und Fahrdraht oder wäre es nicht gleichermaßen kostensparend und stadtverträglich, auf Reifen und in Batteriebetrieb durch Wiesbaden zu fahren?

Auch gibt es Posts, die drauf hinweisen, dass in anderen Ländern bereits autonome E-Busse, Straßenbahnen mit Elektroantrieb oder Trambahnen ohne Schienen fahren. Also auf Rädern, wie z.B. der „Autonomous Rail Rapid Transit“ in China (er ist übrigens noch im Versuchsstadium).

Fakt ist: Eine CityBahn in Wiesbaden ist speziell

Für Wiesbaden sieht die Welt aber etwas spezieller aus, denn die Anforderungen an die CityBahn sind komplex: Sie soll nicht nur leise, sauber, stadtverträglich und möglichst wirtschaftlich sein, sondern langfristig auch zu einem gemeinsamen Straßenbahn-Netz mit Mainz ausgebaut werden. Ein Wunschkonzert ist es demnach nicht. Dass Wiesbaden und Mainz diese Synergien vor Augen haben und ein gemeinsames Netz im Sinne von Umwelt und Verkehr auf die Beine stellen wollen ist jedoch wirklich bemerkenswert. Deshalb beschäftigt sich meine FAQ der Woche auch mit dem Thema „Fahrdraht und Schienen“:

Die Idee, in Wiesbaden ein schienenloses Transportsystem umzusetzen, erscheint zwar auf den ersten Blick charmant, dennoch wiegen die Vorteile die Nachteile nicht vollständig auf. Gegen Sonderformen spurgebundener Transportsysteme, wie „Autonomous Rail Rapid Transit“ (ART) aus China oder „Tramway sur pneumatiques“ aus Frankreich spricht aus Wiesbadener Sicht in erster Linie der Bau einer zusammenhängenden Busspur. Das Liniennetz der ESWE Verkehr verfügt aktuell über eine Länge von rund 630 Kilometer, wobei rund zwei Prozent der Strecke als separate Busspuren ausgewiesen sind. Um eine eigene Bustrasse für den neuen Verkehrsträger zu schaffen, müssten die Straßenbauer den gesamten Linienverlauf auf einer Breite von 4,25 Metern pro Fahrtrichtung versiegeln. Beim Bau eines Straßenbahn-Netzes können sie das Gleisbett hingegen in 3,25 Meter schmale Schotter- oder Rasenflächen fassen.

Auch das Gewicht der Akkus an Bord von „ART“ und „Tramways sur pneus“ ist ein wichtiges Argument für eine fahrdrahtgebundene Lösung, da die zusätzliche Last Auswirkungen – beispielsweise auf die Tragfähigkeit der Theodor-Heuss-Brücke – hat. Um Fahrspurrillen vorzubeugen, müsste zudem die Linienführung im Innenstadtbereich in Betonbauweise realisiert werden.

Nicht zuletzt wurde die CityBahn GmbH im Zuge der interkommunalen Zusammenarbeit zwischen Wiesbaden und Mainz gegründet, um das Konzept eines gemeinsamen Straßenbahn-Netzes für beide Landeshauptstädte umzusetzen. Da Mainz bereits über ein Straßenbahn-Netz verfügt, gilt ein schienengebundenes Verkehrssystem in Meterspur momentan als bevorzugte Variante. Schließlich kann die CityBahn auf diese Weise problemlos an das bestehende Netz in Mainz angeschlossen werden.

Welche Spielräume oder Innovationen tatsächlich machbar sind, wird in Kürze auch durch die Veröffentlichung der Nutzen-Kosten-Analyse offenbart. Wir hingegen werden am Ball bleiben. Die „Lust auf CityBahn in Wiesbaden“ weitergehend durch genauere Betrachtung der Posts und Kommentare unter die Lupe nehmen. Speziell die kritischen Punkte der Wiesbadener Öffentlichkeit in den sozialen Medien herausfiltern, um den Wiesbadener im Speziellen mit Fakten versorgen. Da gibt es noch viel mehr. Demnächst!

Andreas Rolle – Initiator von Lust auf Wiesbaden

Über den Autor: Andreas Rolle, Initiator und Admin der Facebook Gruppe Lust auf Wiesbaden mit über 16.000 Mitgliedern. Im Rahmen dieser Kolumne werden postulierte Fragen, Bedenken und Kommentare der hier aktiven Wiesbadener reflektiert und mit der gegenwärtigen Faktenlage verglichen.