Wie wird die CityBahn den Stadtraum verändern? Frau Dr. Rena Wandel-Hoefer, Vorsitzende des Gestaltungsbeirats Wiesbaden, spricht im Interview über neue Verkehrsräume, Denkmalschutz und Ersatzpflanzungen.

Frau Dr. Wandel-Hoefer, kritische Stimmen behaupten, dass die CityBahn das Stadtbild zerstört – stimmt das?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Wir verstehen, dass Bürgerinnen und Bürger diese Sorge haben. Wir sehen allerdings eine echte Chance für Wiesbaden in der Einführung der CityBahn – mit ihrem Bau können Verkehrsräume völlig neu strukturiert werden und Straßenräume insgesamt qualitativ aufgewertet werden. Wenn wir auf Städte schauen, die einen vergleichbaren Bestand an historischen Gebäuden aufweisen – wie etwa Heidelberg oder Karlsruhe oder auch in Frankreich Lyon oder Dijon – sehen wir, wie positiv sich dort moderne Straßenbahnen in das Stadtbild integrieren.

Das heißt, die CityBahn passt sich nicht nur an das Wiesbadener Stadtbild an, sondern kann es sogar verbessern?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Im Grunde bietet die CityBahn die Möglichkeit, Korrekturen am Stadtbild vorzunehmen, die im Duktus der autogerechten Stadt entstanden sind. Breit ausgebaute innerstädtische Straßen wie etwa die Rheinstraße, die heute vom Auto dominiert werden, können in ihrem Allee- und Boulevardcharakter gestärkt werden. Der vernachlässigte mittlere Promenadenbereich kann zukünftig von Fußgängern und Radfahrern durch die Neuorganisation des Verkehrsraums zurückerobert werden. Quartiersplätze wie beispielsweise der Luisenplatz vor der St. Bonifatiuskirche können durch eine entsprechende Gestaltung der CityBahn-Trasse durch Rasen- oder Sukkulentengleise über den eigentlichen Platz hinaus optisch erweitert werden. Auch im Bereich der Ringkirche ist durch die beabsichtigte Verkehrsberuhigung ein Anschluss der Kirche an den Ortsbezirk möglich. Die heutige Situation der Kirche auf einer Verkehrsinsel wäre damit überwunden.

Wie werden sich diese Veränderungen auf unsere Lebensqualität auswirken?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Mit der CityBahn kommt mehr Grün in die Stadt, denken wir etwa an Rasengleise. Es können auch neue Plätze geschaffen werden, wie beispielsweise an der Ringkirche. Bürgersteige können zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität verbreitert werden, um zum Beispiel Außenbestuhlung für die Gastronomie zu ermöglichen. Eine weitere Verbesserung der Lebensqualität bewirkt die CityBahn, weil sie leise und umweltfreundlich ist. Dies hat Auswirkungen auf die Luftqualität, die in Wiesbaden ja noch deutlich verbessert werden muss. Ein verlässliches, pünktliches und angenehmes Beförderungsmittel dient der stressfreien Mobilität. All das bedeutet für die Menschen in Wiesbaden ein Mehr an Lebensqualität.

Und was bedeutet die Planung der CityBahn für die Bäume?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Wiesbadens Stadtbild wird ganz wesentlich durch seine Alleen und markanten Stadtbäume gegliedert und geprägt. Dieses grüne Stadtdenkmal des 19. Jahrhunderts gilt es auch für die Zukunft zu bewahren. Hierauf muss und wird die CityBahn-Planung gebührend Rücksicht nehmen. Allerdings ist es nicht zu verhindern, dass an bestimmten Stellen – wie beispielsweise im Haltestellenbereich – Bäume weichen müssen. Aus ökologischen und gestalterischen Gründen ist es aber notwendig und auch rechtlich verankert, Ersatzpflanzungen im Umfeld vorzunehmen. Dabei besteht die Chance, das Straßengrün raumbildend neu zu strukturieren und so zur Gestaltung von Straßenräumen und Freibereichen beizutragen.

“Wiesbadens Stadtbild wird ganz wesentlich durch seine Alleen und markanten Stadtbäume gegliedert und geprägt. Dieses grüne Stadtdenkmal des 19. Jahrhunderts gilt es auch für die Zukunft zu bewahren.”

Frau Dr. Wandel-HoeferGestaltungsbeirat Wiesbaden

Wiesbaden ist eine historisch gewachsene Stadt – wie verträgt sich die Planung der CityBahn mit dem Denkmalschutz?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Viele Beispiele denkmalgeschützter Städte wie etwa das französische Lyon oder auch bei uns Erfurt oder Leipzig zeigen, wie die Baukunst des Historismus und die Straßenbahnen gemeinsam das positive Stadtbild ausmachen. Sie sind quasi gemeinsam gewachsen. Auch in Wiesbaden gab es ja schon Straßenbahnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts ein Netz aus neun Linien umfassten und zum Beispiel das Nerotal mit dem Rheinufer verbanden. Aus Sicht des Denkmalschutzes gibt es also keine Vorbehalte, hier wieder anzuknüpfen. Natürlich muss man mit der sorgfältigen Auswahl von Oberleitungsmasten, Beleuchtung und Gestaltung der Haltestellen auf die historische Bausubstanz reagieren.

Gab es aus Ihrer Sicht in der Stadt Wiesbaden besondere Herausforderungen, die bei der Planung gemeistert werden mussten?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Eine besondere Herausforderung bestand und besteht auch weiter darin, die CityBahn in den vorgegebenen und ja nicht zu mehrenden Straßenraum unterzubringen. Hier gibt es vielfältige Nutzungsüberlagerungen: Der Autoverkehr muss weiter schlüssig durch die Stadt geführt werden. Die Menschen, die ein Auto besitzen, formulieren den Anspruch wohnortnah zu parken. Gleichzeitig soll der Anteil des Radverkehrs in Wiesbaden deutlich erhöht werden. Dies bedarf neuer und sicherer Radspuren. Und nicht zuletzt die Fußgänger, die in Wiesbaden einen Großteil der Verkehrsteilnehmer ausmachen, sollen gerechter als bisher berücksichtigt werden. Aber auch Außenflächen und Andienung für den Einzelhandel sowie Rettungswege müssen Raum finden. Dies alles erfolgt unter der Maßgabe, möglichst viele Bäume zu erhalten. Sie können sich vorstellen, dass es eine herausfordernde Aufgabe der Stadt- und Verkehrsplanung ist, hier eine ausgewogene und gerechte Abwägung der Nutzungskonkurrenzen bei der Planung der CityBahn vorzunehmen.

Warum ist die CityBahn mit Blick auf die Stadtgestaltung eine Chance für die Region?

Frau Dr. Wandel-Hoefer: Wie gesagt, sehen wir eine echte Chance für Wiesbaden in der Einführung der CityBahn. Mit dem Bau der CityBahn können Verkehrsräume völlig neu strukturiert, gerechter unter den Nutzern aufgeteilt und dadurch neugestaltet werden. Wann hat man schon mal solch eine Chance in einer Stadt? Auch wenn wir mal auf die Entwicklung der Stadt Wiesbaden insgesamt schauen, ist ein komfortabler, schienengebundener ÖPNV elementar, wenn wir den in der Region dringend benötigten Wohnraum und die Ansiedlung weiterer Arbeitsplätze schaffen wollen. Mit einer weiteren Straßenbahnanbindung für das Entwicklungsgebiet Ostfeld könnte zugleich auch eine Anbindung von Kostheim, Erbenheim und Nordenstadt, ja sogar über die Wallauer Spange in Richtung Frankfurt ein netzartiger Ausbau in die Region erfolgen. Ein wichtiger Baustein für das Gelingen der Verkehrswende.

Dr. Rena Wandel-Hoefer

Vorsitzende des Gestaltungsbeirats Wiesbaden

Die deutsche Städtebaupreisträgerin (Polis Award, Nationaler Preis für integrierte Stadtentwicklung und Baukultur) Dr. Rena Wandel-Hoefer war von 2001 bis 2008 Vorsitzende des Städtebaubeirats in Saarbrücken und arbeitet zurzeit als Beraterin in Architektur und Städtebau.