Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main will mit der Straßenbahn Pakete transportieren. Nun äußert sich auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) positiv zum Paket-Konzept – allerdings für U-Bahnen. Verkehrsverbände äußern jedoch Bedenken an seinen Plänen und sehen weiterhin die Straßenbahn als optimale Lösung.

Immer mehr Pakete – immer mehr Probleme

24 Pakete empfängt jeder Mensch in Deutschland durchschnittlich pro Jahr. Die Freude über das neue paar Schuhe oder den spannenden Roman ist meist groß – zumindest beim Empfänger. Für die Anwohner, Autofahrer und Radfahrer sind die Lieferfahrzeuge hingegen häufig ein Ärgernis. Schließlich parken die Boten ihre Fahrzeuge nicht selten in der zweiten Reihe und blockieren den rechten Fahrstreifen oder den Radweg. Auch im Hinblick auf Luft- und Lärmemissionen sorgen die Lieferfahrten für Unmut. Deshalb ist der klimafreundliche Transport von Waren in Großstädten ein wichtiges und zukunftsweisendes Thema. Wie ein solcher Transport unter Einbeziehung der Straßenbahn möglich sein kann, zeigt das Projekt Logistiktram.

Update 20.02.2020: Bundesverkehrsminister spricht sich für Paket-U-Bahn aus

Nachdem wir im November 2019 bereits über das Logistiktram-Projekt aus Frankfurt berichtet haben, tut sich nun etwas im Paketsektor: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sprach mit den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft über eine mögliche U-Bahn, die bei Nacht Pakete transportiert und zwischengelagert. Ab zwei Uhr nachts könne diese Bahn, vorerst als Pilotprojekt, unterwegs sein und Pakete zu Mikro-Hubs an Haltestellen in verschiedenen Stadtteilen transportieren.

“Ich wäre dazu bereit, ein Pilotprojekt mit einer Stadt zu machen, wo wir eine U-Bahn umbauen und eine spezielle Paket-U-Bahn daraus machen.”

Andreas ScheuerBundesverkehrsminister (CSU)

Verkehrsunternehmen plädieren für Straßen- statt U-Bahn

SprecherInnen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Hamburger Hochbahn, der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main (VFG) und vieler weiterer Verkehrs- und Logistikunternehmen äußern hingegen Bedenken am Vorschlag des Ministers. Sie halten Konzepte wie die Logistiktram in Frankfurt für erfolgsversprechender, bei dem Pakete von oberirdischen Straßenbahnen transportiert werden. Es mangele an Platz für unterirdische Depots. Außerdem würde die nächtliche Betriebspause für Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten benötigt. Nachts seien daher viele Arbeitszüge unterwegs, gibt Christoph Kreienbaum von der Hamburger Hochbahn an. „Aber wir wollen und können nicht ausschließen, dass es Lösungen geben wird, die wir heute noch nicht kennen“, räumt er ein.

Auch der VDV-Sprecher Lars Wagner äußert sich kritisch: „Damit löst man das Problem nur in den Großstädten, die ein gut ausgebautes U-Bahn-Netz haben.“ Auch die Beförderung der Pakete – zuerst in den Untergrund und danach wieder auf die Straße – würde nach Meinung des VDV einen deutlichen Mehraufwand bedeuten. Doch auch der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen steht Scheuers Idee eines Pilotprojekts offen entgegen, empfiehlt jedoch gleichzeitig, sich auf Straßenbahnen zu konzentrieren.

Sprecher der Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main (VGF)

Stationen unter der Erde sind als Aus- und Umladepunkte weniger geeignet.

Christoph KreienbaumHamburger Hochbahn

Wir wollen und können nicht ausschließen, dass es Lösungen geben wird, die wir heute noch nicht kennen.

Lars WagnerVDV-Sprecher

Damit löst man das Problem nur in den Großstädten, die ein gut ausgebautes U-Bahn-Netz haben.

Sprecher der Deutsche Post DHL Group

Grundsätzlich begrüßen wir staatliche Initiativen, die Maßnahmen für noch nachhaltigere Logistik unterstützen.

Erfolgreiche Versuchsphase

Im Laufe des Sommers 2018 haben die Stadt Frankfurt am Main, die House of Logistics & Mobililty GmbH (HOLM), die Frankfurt University of Applied Sciences (UAS), die IHK Frankfurt am Main, das Klima-Bündnis und die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) das Konzept für eine Pilotphase der Logistiktram entwickelt. Im Frühjahr 2019 testete die VGF erstmals das System. Während der Pilotphase beförderten Trambahnen Pakete als Sonderfahrten an sogenannte City-Hubs – Zwischenlager im Stadtraum, in denen Sendungen für die direkte Umgebung deponiert wurden. Die mobilen Depots wurden im Rahmen des Projekts entwickelt und beinhalten mehrere herausziehbare Logistikboxen. Sie wurden temporär an definierten Stellen entlang der Tramlinie abgestellt und nach wenigen Stunden wieder mitgenommen – die Sendungen wurden in der Zwischenzeit mit Lastenrädern an die umliegenden Haushalte verteilt. Um den regulären Fahrplan nicht zu beeinträchtigen, erfolgten den Fahrten abseits der Stoßzeiten.

Sollte das Projekt flächendeckend umgesetzt werden, müssten große Zustellfahrzeuge künftig nicht mehr bis vor die Haustüren fahren, denn die Logistiktram kann die Stadtteile klimafreundlich sowie separat vom Individualverkehr beliefern.

Ausgezeichnet: Logistiktram erhält „Beste Idee“-Preis

Vom gemeinnützigen Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene e. V. erhielt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Silke Höhl im Herbst 2019 für Ihre Forschungsarbeit am Projekt den Innovationspreis „Beste Idee 2019“. An der an der Frankfurt University of Applied forscht die 32-Jährige mit Prof. Dr.-Ing. Petra K. Schäfer und dem Team des Research Lab for Urban Transport (ReLUT) an Konzepten, um die Paketzustellung in Innenstädten durch den Transport mit U- und Straßenbahnen und die Auslieferung über Lastenräder umweltfreundlicher zu gestalten.