In Hamburg wurde auf den Bau einer Stadtbahn verzichtet. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt vom 7.1.2019 kritisiert Verkehrsforscherin Dr. Philine Gaffron von der Technischen Universität Hamburg den fehlenden Gestaltungswillen und Innovationsmut der Politik. Zudem plädiert die Expertin für den Bau einer Tram in der Hansestadt.

Dr. Philine Gaffron

Oberingenieurin am Institut für Verkehrsplanung und Logistik der TUHH

Was sind die drei größten Probleme, pardon, Herausforderungen im Stadtverkehr?

Hamburg braucht ein weitsichtiges Parkraummanagement­ und als Regelgeschwindigkeit Tempo 30. Außerdem sollte die Option „Stadtbahn“ fachlich fundiert untersucht werden. Das kann man in Fachkreisen gar nicht vermitteln, dass Hamburg da einfach Nein gesagt hat.

Wieso nicht?

Ich halte es nach wie vor für einen Fehler, aus politischen statt aus fachlichen Gründen auf eine Straßenbahn zu verzichten. Das war kurzsichtig. Aber die erste öffentliche Resonanz war abweisend, also hat man das Projekt begraben.

Wie wäre es besser gegangen?

Nizza etwa hat den Neubau von Stadtbahnstrecken mit einer Kampagne begleitet. Die haben gesagt, es wird jetzt drei Jahre hart beim Bau, aber danach kommen wir besser voran und haben mehr qualitätsvolle Stadträume. Das zeigt, wenn ein Projekt gut kommuniziert wird, entscheidet das mit über den Erfolg. Und wenn Hamburg eine aktive, nachhaltige, moderne und gesunde Stadtgesellschaft will, muss man auch Politik mit diesem Anspruch machen.

Welchen Verkehr sollte Hamburg ernten?

Man muss von den Zielen her denken. Wir möchten eine lebenswerte Stadt, wir wollen Klimaschutzziele erreichen, wir möchten nicht, dass Menschen wegen Lärm und Luftverschmutzung früher sterben, wir wollen Tote und Verletzte vermeiden. Das erreichen wir nur, wenn wir Autoverkehr reduzieren.

Sie sagen, dafür fehlt der politische Mut?

Auch. Und vielleicht auch die Überzeugung, dass es wirklich nötig ist. Aber wenn man sich über diese Ziele einig ist, muss man auch konsequent darauf hinarbeiten. Und dabei kann man es nicht allen recht machen. Eine Stadt funktioniert nie ohne Kompromisse. Also braucht Politik stärkeren Gestaltungswillen für eine zukunftsgerechte Stadt.

Wie sieht die Stadtstraße der Zukunft aus?

Das ist funktionsabhängig. Auf einer Hauptverkehrsstraße etwa bliebe für den Autoverkehr eine, maximal zwei Fahrspuren pro Richtung. Im Querschnitt wären auf beiden Seiten je 30 Prozent für Fußwege, Grün und Radspuren, und in der Mitte gibt es auf 40 Prozent Fahrbahnen für Autos und Spuren für den ÖPNV.