Planer, Bürger und Politik diskutieren die richtigen Verkehrslösungen für Wiesbaden. Doch was sagen eigentlich die Experten der Verkehrswissenschaft zu dem Thema? Wir haben Prof. Dr. Volker Blees, Professor für „Verkehrswesen“ an der Hochschule RheinMain, darum gebeten, das Projekt CityBahn aus wissenschaftlicher Perspektive zu kommentieren.

Sicher, die eine Verkehrswissenschaft gibt es nicht. Die wissenschaftliche Forschung und Entwicklung von Verkehr und Mobilität stützt sich wie kaum eine andere Disziplin auf unterschiedliche Wissensbereiche von Maschinenbau und Fahrzeugtechnik über Bauingenieurwesen und Umwelttechnik bis hin zu Stadtplanung, Logistik und Psychologie. Und doch zieht sich seit Jahren stabil ein klar erkennbarer roter Faden durch all diese verschiedenen Wissenschaften: die Suche nach Wegen zu einem nachhaltigeren Verkehr, gerne auch mit dem Schlagwort „Verkehrswende“ belegt.

Maßnahmenbündel für die Verkehrswende

Die Notwendigkeit einer Verkehrswende ist dabei genauso wenig strittig wie ihre Dringlichkeit angesichts galoppierender Entwicklungen beim Klimawandel und im Feld der Digitalisierung. Ebenso unstrittig ist, dass es angesichts der Komplexität von Mobilität und Verkehr nicht eine alleinige Lösung geben kann. Und so kommt es, dass an verschiedenen Stellen in ganz unterschiedliche Richtungen geforscht und entwickelt wird: an neuen Antrieben (E-Mobilität, Wasserstoff, …), an neuen Fahrzeugkonzepten (Small Electric Vehicles, autonome Minibusse, …), an neuen Mobilitätsprodukten (Car- und Bikesharing, Mobility as a Service, …). Was nach außen wie eine Kakophonie unterschiedlicher Lösungsansätze wirkt, ist in Wirklichkeit der Ansatz, an verschiedensten Fronten zu Fortschritten zu kommen und mit einem Bündel von Maßnahmen zum Gelingen der Verkehrswende beizutragen.

Erfolgsrezept Straßenbahn

“Die Mehrzahl der Argumente, mit denen die Sinnhaftigkeit einer CityBahn generell in Frage gestellt wird, ist – bei aller wissenschaftlichen Zurückhaltung – hanebüchen. Dagegen verlangen viele Fragen zum „Wie“ der CityBahn nach ernsthaften, fundierten und tragfähigen Antworten.”

Prof. Dr. Volker BleesProfessor für Verkehrswesen im Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen an der Hochschule RheinMain

Gerade weil es kein singuläres Erfolgsrezept gibt, gehört zu diesem Bündel untrennbar auch der Einsatz bewährter und erfolgreicher Strategien und Konzepte. Und zu diesen erfolgreichen Konzepten wiederum zählt ohne jeden Zweifel das Verkehrsmittel Straßenbahn. Wo in städtischen Räumen mehr als 2.000 Personen je Spitzenstunde und Richtung umweltfreundlich, stadtverträglich und attraktiv zu befördern sind, ist die Straßenbahn das Mittel der Wahl. Über 90 seit dem Jahr 2000 neu entstandene Straßenbahn-Netze weltweit stellen die Potenziale dieses Verkehrsmittels eindrucksvoll unter Beweis. Dass abweichende, vermeintlich besonders moderne Systeme wie die Spurbusse in Caen und Nancy in den nächsten Jahren auf Straßenbahnsysteme umgestellt werden, spricht zudem Bände. Es gibt in den Verkehrswissenschaften keine ernstzunehmende Stimme, die die Vorteilhaftigkeit von Straßenbahnen in ihrem typischen Einsatzfeld grundsätzlich in Zweifel ziehen würde.

Wichtige Fragen in den Fokus rücken

Welche Auswirkungen auf den Fuß-, Fahrrad- und Kfz-Verkehr sind zu erwarten? Wie kann der Nutzen auch für Anwohner der Trasse sichergestellt werden? Wie können die Potenziale der CityBahn für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung genutzt werden? Um die Antworten auf diese Fragen und die notwendigen Entscheidungen werden Planer, Bürger und Politik ringen müssen. Die Verkehrswissenschaften werden sie gerne dabei unterstützen.